Führung bedeutet heute, Orientierung zu geben, ohne Gewissheit bieten zu können. Führungskräfte sollen Veränderungen vertreten, Konflikte austragen, Mitarbeiter gewinnen und halten, schwierige Entscheidungen vermitteln und auch dann Position beziehen, wenn diese unpopulär ist, und all das mit Haltung und Stimme.
Es braucht Menschen,
- deren Stimme hörbar macht, ob sie selbst hinter dem stehen, was sie sagen,
- deren Körper unter Widerstand Haltung einnimmt und nicht zurückweicht,
- die eine Position nicht nur adäquat formulieren, sondern auch vertreten können.
Eine Entscheidung kann inhaltlich vollkommen klar sein und trotzdem klingen wie eine Bitte um Zustimmung. Deshalb reicht es nicht, nur an Artikulation, Lautstärke, Resonanz oder Sprechtechnik zu arbeiten. Es geht darum, ob das, was ein Mensch vertritt, auch in Situationen hörbar und sichtbar bleibt, die mehr verlangen als eine gute Formulierung
Stimmarbeit beginnt im Körper
Als Opernsängerin habe ich über Jahre gelernt, was es bedeutet, Stimme unter hohen Anforderungen verfügbar zu machen. Auf einer Bühne reicht es nicht, zu wissen, was man ausdrücken möchte. Stimme, Atem, Körper und Intention müssen in dem Moment funktionieren, in dem sie gebraucht werden.
Lassen Sie es mich an einem sehr praktischen Beispiel aus dem Stimmtraining veranschaulichen, der Arbeit am Brustkorb. Genauer gesagt: an der Zwischenrippenmuskulatur.
Atmen wir ein, weitet sich unser Brustkorb. Die Rippen bewegen sich nach außen und oben, das Zwerchfell senkt sich ab. Während des Ausatmens kehrt der Brustkorb wieder in seine Ausgangsposition zurück.
Diese Beweglichkeit wirkt sich nicht nur auf die Atmung aus. Wenn sich der Brustkorb weiten kann, muss Aufrichtung nicht über hochgezogene Schultern oder zusätzliche Spannung in der Wirbelsäule hergestellt werden. Der Körper nimmt im wörtlichen Sinne mehr Raum ein, ohne sich künstlich größer machen zu müssen. Gleichzeitig steht diese Weite der Atmung und damit auch der Stimme zur Verfügung: für mehr stimmliche Reserve, Tragfähigkeit und die Möglichkeit, auch unter Druck aufgerichtet zu bleiben, ohne sich zu verhärten.
Ich muss Präsenz nicht äußerlich herstellen, sondern habe körperlich mehr Möglichkeiten, Haltung einzunehmen und die Stimme der Situation anzupassen.
Als Opernsängerin habe ich diese Beweglichkeit über Jahre trainiert. Dass sich mein Rippenkorb heute gezielt um mehrere Zentimeter im Umfang erweitern lässt, ist ein konkretes Ergebnis dieses Trainings und ein Beispiel dafür, wie sehr sich körperliche Voraussetzungen für Stimme und Präsenz tatsächlich verändern lassen.
ÜBUNG: Probieren Sie es selbst einmal aus
1) Legen Sie beide Hände seitlich an Ihre unteren Rippen. Atmen Sie ruhig ein und beobachten Sie, wie sich die Rippen unter Ihren Händen seitlich weiten. Achten Sie darauf, dass die Schultern dabei entspannt bleiben und Sie den Bauch nicht einziehen oder anspannen .
Ein elastisches Band um die unteren Rippen kann dabei helfen, die Bewegung deutlicher wahrzunehmen. Während des Einatmens entsteht ein leichter Widerstand, gegen den sich die Rippen seitlich bewegen können.
2) Halten Sie nun für mindestens zwölf Sekunden die Luft an und versuchen Sie, diese seitliche Weite des Brustkorbs beizubehalten, ohne die Schultern hochzuziehen oder zusätzliche Spannung aufzubauen.
3) Dann atmen Sie aus und lassen die Rippen wieder in ihre Ausgangsposition zurückkehren. Lassen Sie mit den Rippen nicht gleich den ganzen Körper zusammensinken. Die Wirbelsäule bleibt aufgerichtet. Wiederholen Sie das zwei bis drei Mal.
4) Beobachten Sie anschließend Ihren Stand und Ihren Brustkorb und sprechen Sie ein paar Sätze laut. Was hat sich verändert?
Dies ist zunächst nur eine kleine körperliche Übung, dahinter steckt allerdings ein Prinzip, das für meine Arbeit wesentlich ist:
Kritik, Stress und Widerstand kann man nicht einfach wegatmen, aber man kann das verfügbare Repertoire vergrößern, mit dem man ihnen begegnet.
Wenn eine Entscheidung angegriffen wird, jemand widerspricht oder wir eine Position vertreten müssen, die nicht auf Zustimmung trifft, reagiert der Körper automatisch und in der Folge verändern sich unsere Präsenz und Überzeugungskraft.
Der Brustkorb kann enger werden, die Schultern können sich anspannen, der Atem kann flacher werden und in der Stimme ist möglicherweise weniger von der Klarheit hörbar, die wir inhaltlich vertreten wollen. Mitunter geben wir körperlich schon Raum auf, bevor wir unsere Position sprachlich überhaupt zurückgenommen haben. Denn diese körperliche Reaktion wirkt sich nicht nur auf die Person selbst aus, sondern darauf, wie sie Entscheidungen vertritt, Konflikte führt oder Veränderungen vermittelt.
Aber diese notwendige Beweglichkeit und Aufrichtung in Körper, Haltung und Stimme können wir trainieren, bevor wir sie brauchen. Ich kann lernen, meinen Brustkorb zu öffnen, ohne mich künstlich aufzurichten. Ich kann eine körperliche Haltung verfügbar machen, in der ich stehen bleibe, spreche und meine Position vertrete.
Wenn meine Position später infrage gestellt wird, steht bereits mehr als nur dieses eine, lange eingeübte Muster zur Verfügung. Ich muss meine Haltung nicht erst im entscheidenden Moment erfinden, ich kann sie vorher trainieren.
Stimme: Eine Position muss hörbar werden
Diese Haltung, sei sie physisch oder mental, schafft für mich als Opernsängerin überhaupt erst die Voraussetzungen dafür, dass Stimme trägt und resonieren kann. Und die Tragfähigkeit ist es, die darüber entscheidet, ob ich mit meiner Stimme ohne Mikrofon über das Orchester bis in den dritten Rang gehört werde.
Auch in Führung entscheidet die Stimme mit darüber, ob jemand eine Position nur innehat oder sie tatsächlich ausfüllt. Eine Führungskraft muss keinen Opernsaal füllen aber die Grundfrage bleibt: Unterstützt die Stimme das, was transportiert werden soll?
Haben Sie Ihre Stimme und Ihr Auftreten schon einmal analysiert?
Wie klingt Ihre Führungsstimme? Was transportiert sie?
Ist darin das zu hören, was Sie als Führungspersönlichkeit vertreten wollen? Vermittelt sich die Klarheit, die Sie inhaltlich beanspruchen?
Stimme ist trainierbar, und wenn Sie den Anspruch haben, mit ihr Führung zu übernehmen, ist die Auseinandersetzung mit ihr unumgänglich.
Mensch: Wofür stehe ich eigentlich?
Selbst wenn der Körper unterstützt und die Stimme trägt, bleibt eine entscheidende Frage offen: Was soll durch beides eigentlich vertreten werden?
Eine aufgerichtete Haltung und eine tragfähige Stimme ersetzen keine Position. Führung bringt Situationen mit sich, in denen persönliche Überzeugung, Rollenverantwortung und Loyalität nicht automatisch dasselbe verlangen.
Ich soll eine Entscheidung vertreten, die ich nicht selbst getroffen habe. Ich muss gegenüber meiner eigenen Führungskraft widersprechen. Ich muss entscheiden, wo Loyalität endet und Verantwortung beginnt.
Hier geht es nicht einfach darum, „meine Meinung zu sagen“. Führung beinhaltet Rollenverantwortung und deshalb werden zwei Fragen zentral:
Wofür übernehme ich in dieser Situation Verantwortung?
Was davon möchte ich auch dann noch vertreten, wenn mein Gegenüber nicht zustimmt?
Wenn Sie nicht wissen, warum Sie einen Raum betreten, sei es für eine Vorstandssitzung, ein schwieriges Gespräch oder einen Auftritt auf der Bühne, dann lassen Sie es. Erst wenn Sie eine klare Intention fassen, haben Körper und Stimme etwas, das sie transportieren können.
Stimme · Körper · Mensch
In meiner Arbeit gehören diese drei Ebenen daher zwingend zueinander. Wo wir einsteigen, hängt von der Situation und vom Menschen ab, aber ich arbeite nie an einer dieser Ebenen isoliert.
Der Körper nimmt Haltung ein, die Stimme macht sie hörbar und der Mensch entscheidet, wofür er diese Möglichkeiten einsetzt.
Unter Stress steigen wir nicht auf das Niveau unserer Erwartungen, sondern fallen auf den Stand unseres Trainings zurück
Dieser Satz begleitet meine Arbeit schon lange, sowohl als Trainerin als auch auf der Bühne. Als Solistin habe ich Abläufe so lange trainiert, bis sie automatisch funktionierten. Nur so konnte ich trotz der ständigen Veränderungen auf der Bühne und im Theateralltag zuverlässig auf höchstem Niveau überzeugen.
Wir trainieren eine Position so, dass Körper und Stimme sie im entscheidenden Moment tatsächlich tragen können.
Denn im entscheidenden Moment hilft es wenig, zu wissen, wie wir eigentlich auftreten, sprechen oder führen möchten. Verfügbar ist zunächst das, was wir gelernt, wiederholt und trainiert haben.
Deshalb trainiere ich mit Menschen nicht nur, was sie sagen könnten. Wir trainieren, wie es sich körperlich anfühlt, eine Position einzunehmen, wie ihre Stimme klingt, wenn sie diese Position tatsächlich vertritt, und woran sie merken, dass sie beginnen, sie wieder aufzugeben.
Damit verschwinden alte Gewohnheiten nicht einfach, aber sie sind nicht mehr die einzige Möglichkeit, die im entscheidenden Moment zur Verfügung steht. Haltung ist dann nicht nur eine Frage des Anspruchs, sondern etwas, das tatsächlich zur Verfügung steht und vertreten werden kann.
Ihre Stimme geht in Führung.