Was hat Operngesang mit der Führung eines Unternehmens zu tun? Ehrlich gesagt, habe ich mir diese Frage anfangs selbst gestellt. Ich komme nicht aus der Unternehmenswelt, aber kaum hatte ich meine vertraute Theaterstruktur verlassen, waren es die Führungskräfte, mit denen ich sehr schnell ins Gespräch kam. Obwohl oder gerade weil ich von außen kam, fanden wir erstaunlich schnell zueinander. Unsere Gespräche wurden oft schon nach wenigen Minuten überraschend tief und schnell diskutierten wir über effiziente Lösungen für die verschiedensten Probleme.
Mein Blick auf Unternehmenskultur
Ich habe weder einen klassischen Führungsansatz noch Managementtheorien im Gepäck. Mein Maßstab ist der Mensch, mit seinem Körper, seiner Stimme und seiner Haltung. Unternehmen übersehen noch zu oft den entscheidenden Punkt, übersehen den Menschen als Wirkungsfaktor für neue Lösungen.
Auf der Bühne kann ich der Realität meines Maßstabs nicht ausweichen, es gibt kein Verstecken. Ich kann die schönste Interpretation einer Rolle im Kopf haben, wenn mein Körper etwas anderes erzählt, glaubt mir niemand.
In Unternehmen sehe ich jedoch eine Unstimmigkeit zwischen formulierten Werten und dem, wie sie tatsächlich gelebt und nach außen vertreten werden. Unternehmer:innen erzählen mir davon, dass Strategien entwickelt und Tools eingebunden werden, diese aber nach außen nicht ihre Wirkung entfalten.
Während Unternehmen in neue Technologien investieren und sich auf KI, Transformation und permanente Veränderung einstellen, sind sie sich alle einig, dass der Mensch unverzichtbar bleibt. Aber die Frage nach der praktischen Umsetzung bleibt unbeantwortet. Alle sprechen über Transformation, aber kaum jemand spricht darüber, ob Menschen überhaupt noch verkörpern können, wofür ihr Unternehmen steht.
Innere Klarheit über das, wofür das eigene Unternehmen steht, macht Entscheidungen auch im Zustand der Unsicherheit möglich. Sie ist es, die nach außen Sicherheit ausstrahlt. Und sie ist die Grundlage dafür, andere durch Transformationen zu führen, ohne von ihnen mitgerissen zu werden.
Die meisten Unternehmen kennen ihre Werte, aber die wenigsten wissen, was davon übrig bleibt, wenn es darauf ankommt.
Die eigentliche Herausforderung liegt darin, die eigenen Werte auch dann noch vertreten zu können, wenn der Stresspegel und die Herausforderungen steigen.
Um zu verstehen, warum uns das so schwerfällt, lohnt sich ein Blick in unser Gehirn.
Was geschieht in unserem Gehirn, wenn wir Stress erleben?
Unser Gehirn ordnet permanent ein, ob unsere Umgebung sicher ist.
Sobald eine Situation als bedrohlich eingeschätzt wird, übernimmt ein sehr altes Steuerungszentrum die Führung, die Amygdala. Sie reagiert nicht nur auf das, was tatsächlich gefährlich ist, sondern auch auf das, was als Gefahr bewertet wird. Ein kritischer Kommentar kann ihr ebenso ausreichen wie eine reale Bedrohung.
Gleichzeitig wird der Zugriff auf jenen Teil des Gehirns eingeschränkt, der für Klarheit, Überblick und bewusste Entscheidungen zuständig ist. Das wiederum erklärt, warum Stimme, Präsenz und Wirkung sich unter Druck so stark verändern und wir unsere Werte meist nicht mehr souverän vertreten können.
Der präfrontale Kortex hilft uns, Situationen einzuordnen, abzuwägen und bewusst zu handeln. Solange er gut arbeiten kann, bleiben wir handlungsfähig und können auch in schwierigen Gesprächen differenziert reagieren.
Das limbische System verarbeitet unsere Emotionen, Erfahrungen und Erinnerungen. Es verknüpft aktuelle Situationen mit früher Erlebtem und beeinflusst so, wie wir eine Situation bewerten.
Der Hirnstamm steuert lebenswichtige Körperfunktionen und bereitet den Organismus auf schnelles Handeln vor. Gerät das Alarmsystem in Aktion, laufen viele dieser Reaktionen automatisch ab.
Wie diese Bereiche zusammenarbeiten und warum unser Gehirn in Stresssituationen manchmal gegen uns arbeitet, beleuchte ich in einem späteren Artikel ausführlicher.
Die 4 Grundreaktionen auf Stress und wie wir auf sie reagieren
Druck, herausfordernde Situationen und Stress führen zu folgenden vier Grundreaktionen:
- Kampf
- Flucht
- Erstarrung
- Anpassung
Der Körper reagiert automatisch auf der Grundlage bisheriger Erfahrungen mit einer davon oder schaltet mehrere nacheinander, bis die vermeintliche Gefahr überstanden ist. Dabei kann es sich um einen konkreten Auslöser handeln – z.B. einen geplatzten Geschäftsabschluss -, aber auch um Zustände, die über einen längeren Zeitraum entstehen, wie ein misslungenes Onboarding oder ein Unternehmen in der Krise. Das Entscheidende ist allerdings, dass diese Reaktionen automatisch ablaufen und uns nur selten bewusst sind.
Obwohl die Grundreaktionen universell sind, erleben wir sie individuell unterschiedlich. Für den Berufsalltag möchte ich hier ein paar exemplarische Beispiele für die vier Grundreaktionen aufzeigen.
Kampf
„Ich denke, Sie schätzen die Situation falsch ein.“
„Und ich denke, sie müssten sich erst einmal mit dem Thema befassen, um das beurteilen zu können. Sie überschreiten hier ihre Kompetenzen.“
Dem Unternehmen wird in Zukunft das Fachwissen dieser Person nicht mehr zur Verfügung stehen.
Flucht
„Ich müsste dringend etwas mit Ihnen besprechen.“
„Das ist für jetzt zu komplex, lassen Sie uns das beim nächsten Mal besprechen.“
Abläufe geraten ins Stocken, Verantwortungen werden hin und her geschoben, Zeit und Geld fließen dahin.
Erstarrung
Führungskraft: „Wir werden Sie im nächsten Quartal von ihrer Position abziehen. Sie können ihre Qualitäten in der neuen Stelle besser einbringen.“
Mitarbeiterin: „In Ordnung.“
Es gab danach weder ein Folgegespräch noch ein alternatives Angebot.
Die Mitarbeiterin erfüllt ihre Aufgaben in der neuen Position und reicht nach wenigen Monaten ihre Kündigung ein, vermeintlich ohne ersichtlichen Grund.
Anpassung
Person sagt: „Ich stimme vollkommen zu.“
aber sie denkt: „Das ist ein großer Fehler!“
In keiner dieser vier Situationen sind die Personen in der Lage, für ihre Position einzustehen.
Die eigenen Werte zu kennen und sie unter Druck zu vertreten, sind zwei verschiedene Dinge. Denn unter Stress fallen wir nicht auf das Level unserer Erwartungen, sondern auf das Niveau unseres Trainings zurück.
Die Folgen dieser Verhaltensmuster, werden oft zuerst im Körper sichtbar und lange übergangen: Die Atmung wird flacher, die Stimme wird enger oder schärfer, die Muskulatur spannt sich an. Dann sieht man, ob Menschen Zugang zu ihren Werten behalten oder auf automatische Stressmuster zurückfallen.
Was bliebt von der Unternehmenskultur, wenn es darauf ankommt?
Unternehmen investieren Millionen in Employer Branding, Kulturentwicklung und Leitbilder.
Doch wenn die Menschen, die dahinterstehen, all das nicht glaubwürdig vertreten, verliert es seine Wirkung.
Die Welt ist voller Veränderung und wird bei aller Berechenbarkeit immer unberechenbarer. Handlungsfähig zu bleiben bedeutet, selbst zum ruhigen Zentrum inmitten des Sturms zu werden.
Auf der Bühne gehört dieser Sturm zum Alltag: eine Umbesetzung der Hauptrolle am Abend der Vorstellung, ein Familienmitglied im Krankenhaus am Premierenabend oder einfach nur ein fehlendes Requisit. Die Fähigkeit, unmittelbar mit diesen Herausforderungen umzugehen, schnelle Entscheidungen zu treffen und improvisieren zu können, entscheidet sowohl auf der Bühne als auch im Leben darüber, ob die Vorstellung weitergeht, eine Person souverän in Führung bleibt und ihre Zielsetzung glaubwürdig nach außen vertritt oder ob sie an den Umständen und Requisiten des Lebens scheitert.
Denn was passiert, wenn die Zahlen einbrechen? Wenn ein Konflikt im Führungsteam eskaliert? Wenn Veränderungen Unsicherheit und Widerstand auslösen? Wenn Mitarbeitende gehen? Wenn KI schneller Einzug hält, als man die Prozesse einbinden kann? Erst dann wird sichtbar, ob Werte tatsächlich handlungsleitend sind.
Als Opernsängerin habe ich die Vorstellungen am meisten geliebt. Dort zeigte sich, ob auf das Trainierte wirklich Verlass war. Ob ich das vertreten und bis in den dritten Rang tragen konnte, was für mich von Bedeutung war, was Menschen bewegt und was einen Unterschied macht.
Wie also das Niveau von Führung und Kommunikation erhöhen?
Durch Training.
Wie können Sie trainieren, Ihre Werte zu vertreten, Mitarbeitende wirkungsvoll zu führen und das Unternehmen nach außen zu vertreten?
Die Grundlage all dessen ist ein reguliertes System. Meine Methode Stimme Körper Mensch bietet eine stabile Trainingsgrundlage, um dauerhaft handlungsfähig zu sein und klare Entscheidungen treffen zu können.
Eine überzeugendes Auftreten setzt sich aus den drei Komponenten Stimme, Körpersprache und Intention zusammen. Diese Bereiche lassen sich trainieren und zu einer souveränen Gesamtwirkung nach außen und einer sicheren Führung nach innen zusammensetzen.
Die Stimme
Die Stimme ist unser persönlichster Ausdruck. Wir entscheiden in dem Bruchteil einer Sekunde anhand der Stimme, ob wir unser Gegenüber als sicher einstufen, ihr oder ihm vertrauen und den Kontakt aufrechterhalten wollen. Die Stimme ist also Vertrauensfaktor Nummer 1 und bekommt als solche viel zu selten Beachtung. Wird sie allerdings ausgebildet und trainiert, ist die Wirkung schnell und eindeutig.
Wenn ein Onboarding freundlich kommuniziert wird, aber im Hintergrund Druck aufgebaut wird und die Zeit knapp ist, hören Mitarbeitende genau diesen Druck. Das Onboarding geht schief und die Führungskraft fragt sich, was passiert sei, schließlich war sie doch freundlich und geduldig.
Stimme ist dabei keine Frage des Talents. Sie ist ein komplexes System aus Nerven und Muskeln und als solches trainierbar.
„Psst…die Leute gucken schon“ – „Denk‘ erst nach, bevor Du sprichst“ – solche und ähnliche Ermahnungen prägen die Nutzung der Stimme schon sehr früh, da wir uns anpassen und unser Stimmpotenzial unbewusst einschränken.
Ein Training, das dem Aufbau der Muskulatur und der Öffnung der Resonanzräume dient, führt dazu, dass die Stimme wieder in vollem Umfang, jeder beliebigen Lautstärke und variantenreich genutzt werden kann.
Der Körper
Wenn die Stimmbänder die Saiten sind, so ist der Körper das Instrument. Er entscheidet darüber, ob unsere Aussagen resonieren und Wirkung erzeugen. Unser Gegenüber spürt und sieht, wenn etwas nicht stimmig ist. Es führt zu Irritation und das wiederum automatisch zu einem verzögerten Handeln und Kontaktabbruch.
Wenn eine Führungskraft im Rahmen eines Meetings die Ziele des Unternehmens verkündet aber selbst nicht davon überzeugt ist, dann transportiert sie das auch.
Der Mensch
Stimme und Körper führen allerdings nur dann zu einem stimmigen Ausdruck, wenn Menschen mit klarer Haltung kommunizieren. Wenn sie wissen, wofür ihr Unternehmen steht und wie sie es mit Haltung und Stimme vertreten können.
Was will also eine Opernsängerin in Unternehmen?
Eine Kultur schaffen und unterstützen, die menschliche Werte mit Haltung und Stimme vertritt. Entscheidend ist, was wir vertreten können, wenn es darauf ankommt.